Neugestaltung des Synagogenplatzes in Bad Cannstatt - AMG-Projekt bleibt erhalten

Die Erinnerung an das jüdische Leben in Cannstatt soll auf dem ehemaligen Synagogenplatz durch zusätzliche Informationstafeln wach gehalten und besser vermittelt werden. Für kleinere Gedenkveranstaltungen wird mehr Platz geschaffen.

Das Schüler- und Kunstprojekt des Albertus-Magnus-Gymnasiums markiert den Beginn einer neuen Gedenkkultur in Stuttgart um das Jahr 2000 herum. Viele weitere bürgerschaftliche Projekte folgten, etwa die „Stolpersteine“-Initiativen oder die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ am Nordbahnhof Stuttgart, die erst zwei Jahre später (2006) erbaut wurde.

Die Initiative des Bundespräsidenten Roman Herzog für einen „Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus“ warb im Januar 1996, mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, für einen angemessenen, in die Gegenwart und die Zukunft gerichteten Umgang mit der Erinnerung. Besonders die Schulen wurden dazu aufgerufen, neuartige Formen des Erinnerns zu entwickeln.

In der Reihe seiner Projekte zu diesem neuen „Gedenktag 27. Januar“ machte des Albertus-Magnus-Gymnasium Stuttgart im Januar 2001, mitten in der Diskussion um das Berliner Holocaust-Mahnmal, das Angebot eines Workshops unter dem Titel „Denkmal, Mahnmal, Erinnerung“, der von dem Stuttgarter Künstler Michael Deiml konzipiert und durchgeführt wurde. Matthias Lutzeyer (Kunst/Sport) und Dr. Alfred Hagemann (Religion/Deutsch) begleiteten das Projekt als Fachlehrer.

Kleingruppen erhielten einen „fiktiven“ künstlerischen Auftrag für den „Gedenkort ehemalige Synagoge in Bad Cannstatt“. Ziel war es, eine künstlerische Form zu finden, die im Cannstatter Straßenbild die Erinnerung wach halten und gleichzeitig in die Gegenwart und Zukunft wirken, etwa ein bleibendes Zeichen für Toleranz und den Umgang mit Minderheiten setzten würde. Die aktuelle Situation des Platzes war ebenso zu berücksichtigen wie der bereits vorhandene Gedenkstein und die ihn umgebende Grünanlage aus den Jahren 1961 bzw. 1987.

Die zweite Phase des Projekts, die Planung und praktische Ausarbeitung, erfolgte dann im Kunstunterricht bis Mitte Juni 2001. Etwa drei Wochen vor dem Schlusstermin diskutierte Deiml die Entwürfe mit den Arbeitsgruppen. Eine Jury prüfte zum Abschluss die fünf Modelle und verlieh die von Rachel Dror (Stuttgart) gestifteten Preise.

Den ersten Preis erhielt die Arbeitsgruppe von Sebastian Rupf, Andy Hartono und Nathalie Huber für ihren Entwurf „Denkmal erfahren“. In der Begründung der Jury heißt es dazu:

„Die Arbeit ist als spannungsvolles Pendant zum alten Denkmal konzipiert worden. Aus beiden Elementen entsteht ein begehbares Gesamtkunstwerk und es werden dadurch zwei Phasen des Umgangs mit Erinnerung und Gedenken nachvollziehbar. Der Umraum des Gedenksteins, der eigentliche Standort der Cannstatter Synagoge, der zurzeit als Parkplatz dient, wird einbezogen. Auf spielerische Art werden Verkehrszeichen in Teile eines Denkmals verwandelt. Der Betrachter wird als Autofahrer, der das Denkmal in doppeltem Sinne "er-fährt", einbezogen. An den Grenzen der Parkbuchten sorgen verfremdete Schilder, angebrannte Holzbalken und Ziegelsteinbrocken für Irritationen. Die Materialien thematisieren gleichzeitig den Brand der ehemaligen Synagoge (Pogromnacht 1938) und die jetzige "Zweck-Entfremdung" des Standortes.  Der auf die Asphaltdecke aufgetragene ziegelrote Grundriss der Synagoge unterstützt dieses Anliegen und betont zudem die fast vergessenen historischen Gegebenheiten, den tatsächlichen Standort des Cannstatter Synagogengebäudes im Zeitraum 1876-1938. Eine weitere Konkretisierung und Individualisierung des Erinnerns geschieht durch die Installation von zehn Metalltafeln mit Biographien jüdischer Cannstatter auf den Fensterrahmen des Treppenhauses des sich unter dem Parkplatz befindlichen Zivilschutzraumes. Durch den Betrachter, der das Denkmal bzw. den Parkplatz wieder verlässt, werden die Handlungsimpulse in die Stadt hineingetragen. Das Denkmal hat vor allem innovative Qualität; es verwendet zeitgenössische Gestaltungsmittel und ist weiter entwickelbar.“

Am 9. November 2004 wurde das „er-fahrbare“ Denkmal im Rahmen der Gedenkfeier an die Pogromnacht der Öffentlichkeit übergeben. Innenminister Heribert Rech, Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster und Professorin Barbara Traub (als Sprecherin der Repräsentant der Israelitischen Religionsgemeinschaft) enthüllten gemeinsam eines der verfremdeten Verkehrsschilder.

Die Instandhaltung des Synagogenplatzes ist seit 2005 Teil des Mitverantwortungskonzepts der SMV des Albertus-Magnus-Gymnasiums. Für viele Schülerinnen und Schüler wurde dies zum Einstieg in die Themenbereiche Judentum und Holocaust, häufig schlossen sich weitere Projekte an.

In den fünfzehn Jahren seit der Neugestaltung wurde der Cannstatter Synagogenplatz von Gruppen und Initiativen für Erinnerungsveranstaltungen genutzt, die sich aber von den zentralen Feiern in Stuttgart abgrenzten. Die Materialien und Installationen des Schülerprojekts wurden immer wieder renoviert, Abnutzungs-und Alterungsprozesse waren aber unübersehbar.

In diesem Jahr, 2020, stellten die Stadt Stuttgart und ein beauftragter Landschaftsgärtner fest, dass der ehemalige Cannstatter Platz im Stadtbild und von der Nutzung durch die Bürgerinnen und Bürger nach wie vor problematisch ist. Die Geschichte der Cannstatter Synagoge (1876-1938) und die Phasen der Auseinandersetzung und Neugestaltung (1981, 1987, 2004) würden nicht angemessen vermittelt. Der Platz habe „kaum Aufenthaltsqualität“. Die Situation für Fußgänger“ sei „unübersichtlich und umwegig“.

Die neue Platzgestaltung soll die vorhandenen Elemente integrieren und ergänzen: Ein kleiner Platz mit Hainbuchen soll den Mittelpunkt bilden. Er soll in den Straßenraum (in die König-Karl-Straße) hineinwirken und gleichzeitig an den dahinterliegenden Parkplatz angebunden werden. An der Grenzlinie zum Parkplatz sollen Stelen mit historischen und künstlerischen Informationen aufgestellt werden. Die Elemente des AMG-Projekts werden weitgehend übernommen. Der Gedenkstein der Stadt Stuttgart von 1961 wird versetzt, damit ein Ort des Gedenkens für größere Gruppen entsteht. Die neue Anlage soll mit weißen Hortensien und weißen bodendeckenden Rosen bepflanzt werden. Einzelne Elemente sollen auch beleuchtet werden.

Das Albertus-Magnus-Gymnasiums wurde zu der Neugestaltung befragt und zu Besprechungen eingeladen. Viele weitere Vereine und Institutionen äußern ebenfalls ihre Meinungen und Wünsche. Der Entscheidungs- und Umsetzungsprozess der Verwaltung beginnt erst. Durch die Corona-Pandemie wird sich die Neugestaltung des Cannstatter Synagogenplatzes voraussichtlich bis 2022 verzögern.

Alfred Hagemann

 

Quellen:

Patrick G. Boneberg: Denkmal erfahren – Erinnerung durch Irritation, Schülerinnen und Schüler gestalten den Platz der ehemaligen Synagoge Bad Cannstatt neu. In: Magazin Schule, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, 15/2005, S. 40-41.

Alfred Hagemann: Erinnern, aber wie? – Der Gedenkstein, die Baumpflanzung und das Schulprojekt „Denkmal erfahren“ auf dem Grundstück der ehemaligen Synagoge Bad Cannstatt. In: Rachel Dror, Alfred Hagemann, Joachim Hahn (Hg.): Jüdisches Leben in Stuttgart-Bad Cannstatt. Essen 2006, S. 16-22.

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